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25.11.09 18:05


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Haben Kapitalisten eine Seele?

Haben Kapitalisten eine Seele? – oder: Die Götter sind ratlos, also fragen sie Brecht!

 

Zu untersuchen ist der Ansatz, ob Kapitalisten seelenlos sind oder nicht. Klar, die sind alle ohne Seele, beuten nur die Arbeiterklasse aus, machen ihren Profit durch Besitz der Produktionsmittel und geben vom durch die Arbeiter erwirtschafteten Mehrwert nix ab. Folglich können Kapitalisten keine Seele im herkömmlichen Sinne haben, höchstens eine tiefschwarze (wählen eh alle CDU), werden Kapitalisten dann auch keinen Seelen“frieden“ finden können. Sollten also Kapitalisten sich jetzt schon mal drauf einrichten, dass sie als Wiedergänger, als Untote quasie nach ihrem Tode herumgeistern müssen, da ihre Seelen ja keinen Frieden finden. Alle andern finden den schon, weil sie sind ja nicht Kapitalisten, finden also den ewigen Frieden irgendwo, nirwanamäßig, irgendwo hinten links. Und jetzt schaun wir uns bei Brecht mal um. Der lässt nun die Götter herabsteigen, Olymp scheint das auch nicht zu sein, wo die herkommen, vielleicht ja Plattenbau-Himmel, kommen jedenfalls, um „guten“ Menschen zu finden…Können Kapitalisten gut sein? Nein! Folglich gilt: Der gute Mensch ist gut, weil er eine Seele hat. Wer Seele hat ist automatisch gut und kommt in den Himmel oder so. ShuiTa hat keine Seele, ShenTe hat schöne Seele und kann gut sein. Nur wer arm ist und das Leben kennt, kann gut sein. Gutsein bedeutet alles Mögliche nur eben nicht Kapitalist sein. ShuiTa gleich Kapitalist…usw

So, und jetzt kommt ein LitHinweis:

Ich empfehle dringend die Lektüre eines bestimmten Aufsatzes, der im Internet zugänglich ist, und zwar:   Zweierlei Klugheit: Episches Theater und Verhalten. Bertolt Brecht und die Psychologie. Von Michael Zander…schön guhgeln, Aufsatz lesen ausdrucken und morgen mitbringen, machen wir was draus…

22.11.09 15:41


Vermutungen über Texte des Zentralabiturs

Jetzt geht's los. Das Zentralabitur rückt näher. Im Fach Deutsch wird am 21. April geschrieben. Welche Themen? 

Ganz einfach: Barock-Lyrik: vielleicht, wenn dann im Vergleich mit Rilke oder Brecht, aber das wäre zu einfach.

Auf jeden Fall gibt es Schiller. Vielleicht der 16. Brief aus der ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts in Auszügen. Der Mensch soll ja besser werden, verbessert werden, moralisch gesehen. Die Posa'sche Gedankenfreiheit auf der einen Seite, die Jugend, das drängende Herz eines Karlos auf der anderen Seite udn dazwischen der Alte, der ausgedient hat, aufgerieben zwischen Intrigen, die Domingo und Alba veranstalten und auf der anderen Seite dem Großinquisitor ausgeliefert. Also Schiller wäre in jedem Fall etwas.

Dann kämen vielleicht noch die immer noch vorhandenen Fontane-Freaks auf ihre Kosten. Klar doch, dass Effi Briest...

 

5.4.09 16:05


Log 1 : Brecht oder der Frankfurter Taxireifen - Über polcor Kunst

Log 1

 

In seiner Untersuchung „Kleines Organon für das Theater“ schreibt Brecht in Artikel 55:

„Ohne Ansichten und Absichten kann man keine Abbildungen machen. […] Will der Schauspieler nicht Papagei oder Affe sein, muß er sich das Wissen der Zeit über das menschliche Zusammenleben aneignen, indem er die Kämpfe der Klassen mitkämpft. Dies mag manchem wie eine Erniedrigung vorkommen, da er die Kunst, ist die Bezahlung geregelt, die höchsten Sphären versetzt; aber die höchsten Entscheidungen für das Menschengeschlecht werden auf der Erde ausgekämpft, nicht in den Lüften…“

(in: Bertolt Brecht, Über Politik und Theater, edition suhrkamp, 465, S. 71f.)

 

Hier blitzt zwischendrin neben dem Klassenkämpfer Brecht wieder der listige Bertolt auf im Sinne des Fressens, das vor der Moral kommt, geflügeltes Wort: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Ich frage mich grad, wo steht das eigentlich? Aber egal, es geht noch weiter, und jetzt wird es wichtig: Denn im nächsten Artikel schreibt BB:

„So ist die Wahl des Standpunkts ein anderer Hauptteil der Schauspielkunst, und er muß außerhalb des Theaters gewählt werden. Wie die Umgestaltung der Natur, so ist die Umgestaltung der Gesellschaft ein Befreiungsakt, und es sind die Freuden der Befreiung, welche das Theater eines wissenschaftlichen Zeitalters vermitteln sollte.“ (a.a.O., S. 72)

 

Aha, nun wissen wir’s: Theater macht schon noch Spaß, allerdings nach Brecht erst, wenn es der Befreiung und Umgestaltung von Gesellschaft dient.

Das hört sich alles schwer nach Belehrungstheater an, nach Didaktik. Gehe ich ins Theater, oder doch besser gleich auf die Abendschule und hole auf dem dritten Bildungsweg mein Klassenkämpfer-Abitur nach, indem ich beispielsweise in Mutter Courage gehe?

Jetzt bitte nicht grundsätzlich fragen: Was ist Kunst? Das ufert aus bis hin zu dem linken Hinterrad eines Frankfurter Taxis, das zweimal die Woche abends im Museum ausgestellt wird, danach wird’s wieder ans Taxi montiert und der Fahrer bekommt die Kohle für zwei Stunden Wartezeit. Das hätte ich jetzt gern mal von Brecht kommentiert. Auf keinen Fall von Harald Schmidt – bei dem ist die Luft raus, satirisch kann der nicht mal mehr auf den Fidji-Inseln brillieren.

Aber ich schweife ab.

Brecht, Theater, Verfremdung

Frage: Wie lernt der Schauspieler nach Brecht eine Rolle in MC? Pardon, ich hätte sagen sollen: die Schauspielerin und der Schauspieler, oder: SchauspielerIn, jedenfalls der auf der Bühne Agierende. Mensch als Agens, auch so ein Stichwort, also: Wie lernt Typ Rolle? RollIn???

Problem noch lange nicht vorbei, denn: Wie sieht derdiedas ZuschauerIn Rolle?

[von nun an keine polcor mehr]

Also Problemo: Der Schauspieler lernt – der Zuschauer sieht: Resultat: Klassenkampf, beide gehen aus dem Theater und verändern die Welt. Vor dem Theater ist nach dem Theater, wichtig is aufm Platz und unterm Wiener Opernplatz ist sowieso immer Klassenkampf.

24.11.06 16:39


Paul und Hildegard – oder: Über die Möglichkeit der Unmöglichkeit

 

Ein Dramulett

 

Personen

Paul –  ein Mann in den Vierzigern, von Beruf Buchhalter sitzt in legerer Freizeitkleidung abends am Tisch in der Küche der Vierzimmerwohnung, nachdem er die zwei Kinder (7 und 5 Jahre alt) zu Bett gebracht hat und probiert seinen neuen Füllfederhalter aus; aus dem Radio hört man klassische Musik, teilweise schwermütiger Brahms (Klavierquartette), teilweise Mozart (Klarinettenkonzert); Paul schaut ab und zu auf die Küchenuhr

 

Hildegard -  noch nicht ganz vierzig Jahre alt, wenig attraktiv gekleidet, längere Haare, strähnig, mittelblond, dominant-herrischer Typ

 

Bühne: die Küche einer bieder-bürgerlichen Vierzimmerwohnung, Küchentisch, zwei Stühle,Eckbank, eine Hängelampe verbreitet einen trüben Lichtkegel über dem Tisch. Eine Tür rechts, ein Fenster links, davor eine spartanische Küchenzeile, Herd, Spüle, weißlich-vergilbte Hängeschränke, Mülleimer, Kehrblech und Besen, ein alter Küchenschrank mit Brottrommel, ab und zu brummt ein alter Kühlschrank, an dem Farbe bereits abgeplatzt ist, Blick aus dem Fenster undeutlich verschwommen, darunter ein Heizkörper einer Zentralheizung

 

Paul: sitzt am Tisch, scheint der Musik zu lauschen, schreibt etwas, blickt prüfend auf das Papier, hält inne

Pause

Steht auf, geht zum Fenster, steckt die Hände in die Hosentaschen, wippt entschlossen mit den Füßen

Pause

Geht zum Tisch zurück, setzt sich und blickt auf die Küchenuhr – Pause – danach auf seine Armbanduhr

Pause

Im Flur das Geräusch einer Wohnungstür, die aufgeschlossen, geöffnet und wieder verschlossen wird. Schritte, deutlich hörbar. Die Tür rechts geht auf.

Auftritt Hildegard

 

Hildegard: Schlafen die Kinder?

Paul: schweigt, nickt kurz

Pause

Hildegard: Ich habe dich gefragt, ob die Kinder schlafen. Schaut ihn dabei forschend und von unten nach oben musternd an.

Paul: tief Luft holend, mit dem Ausatmen fast unhörbar: Ja.

 

Hildegard geht zu dem etwas altertümlich wirkenden Radioapparat und schaltet ihn  energisch aus: Zum Kotzen!

 

Hildegard geht zum Heizkörper und dreht am Ventil: Kein Wunder, dass einem hier schlecht wird, erst diese Arschmusik und dann auch noch die Heizung voll aufgedreht. Sitzt der schon wieder seit Ewigkeiten hier rum. Zu Paul sich wendend: Ja, du!

 

Paul: War mir aber zu kalt hier, außerdem kann ich hören, was ich will, wenn du nicht da bist.

Hildegard: Wenn…

Pause

 

Hildegard schaut auf den Küchentisch und bemerkt den neuen Füllhalter: Schon wieder einen neuen Füller gekauft?

Paul seufzt.

Hildegard: Ist wohl alles, was dir dazu einfällt. Wieder so ein teures Teil. Nimmt den Füller abschätzig in die Hand, hält ihn gegen die trübe Lampe: Pah…blickt danach auf den Tisch und sieht das beschriebene Blatt Papier, legt den Füller achtlos ab, nimmt das Blatt und liest, zuerst leise mit Lippenbewegungen dann lauter werdend: …zu kalt…aha… Süd…amerika. Der Herr will auswandern, nach Südamerika, weil es ihm hier zu kalt ist, weil seine Frau abends im Kirchenchor singt, weil sie ihm danach die Heizung abdreht und ihm seine Kotzmusik ausstellt. Paul, du bist wirklich nicht ganz bei Trost, schreibst so ein blödes Zeug hierhin, wenn Marie das liest, was soll sie von ihrem Vater halten?

Zerknüllt das Blatt Papier verächtlich und geht zum Mülleimer.

Paul schlägt mit der Faust auf den Tisch und verkrampft danach in seiner Haltung mit einem fast grimassenhaften Gesichtsausdruck, scheint die Luft anzuhalten.

Hildegard im Umdrehen: Erschrecken kannst du mich schon lange nicht mehr, erregen in keiner Weise mehr, erspare mir diese Gesten der Hilflosigkeit. Bemerkt sein immer mehr rot werdendes Gesicht: und diese gespielten Wutanfälle bin ich schon lange leid. Südamerika, dass ich nicht lache. Du und Südamerika! Was willst du da, Erbsen zählen? Du taugst nicht mal zum Bananenpflücken. Pah!

Paul steht auf, geht zum Fenster, Hände in den Hosentaschen, ruhig hin und her wippend.

Hildgard geht zum Küchenschrank, öffnet eine Schublade, nimmt ein Brotmesser heraus, greift in den Brotkasten, schneidet von einem Laib eine Scheibe ab, geht zum Kühlschrank, entnimmt ihm Streichkäse und streicht sich ein Brot damit am Tisch.

Paul: Es ist mit hier zu kalt. Dreht die Heizung wieder auf.

Es ist mir hier zu kalt. Er schaut auf Hildegard, geht zum Tisch, Hildegard kaut genüsslich und schaut ihn abschätzig an. Er nimmt das Messer in die Hand, schaut zu Hildegard.

Hildegard mit halb gefülltem Mund noch leise grinsend : Paul… Paul? Paul!

Paul hält das Messer fester in der Hand, sticht blitzschnell auf Hildegard ein, mehrmals führt er das Messer in Richtung Hildegard, die aufgesprungen wild um sich schlägt. Paul wirft sie zu Boden, kniet über ihr und sticht weiter auf sie ein.

Paul: Da…und da…und da… und da, Südamerika, jawohl, da ist es warm. Hier ist es kalt. Paul erschöpft: Jetzt wird mir wärmer…

Hildegard röchelnd: Pa…Pau..Paul  …l…ass  es…

Pause

Paul sich erhebend: Die Tinte wird schwarz, wenn sie trocknet, haben sie gesagt. Ich kann auch hier bleiben. Es ist ja wärmer jetzt.

Er geht zum Radioapparat, schaltet das Gerät behutsam ein. Man hört leise Musik, wieder Brahms, Paul blickt auf den Heizkörper und dann aus dem Fenster.

Vorhang.

8.8.07 22:35


Opitz, Karlos und Campino – alle woll’n sie nur lieben und dabei „unsterblich“ sein

Liebe macht unsterblich, das ist klar!

Liebe macht erstmal Schmetterlinge im Bauch, Fluchzeuge, aber das kann auch unglücklich machen, birgt Gefahr, der Mann ist ein Kämpfer. Ihm sind die Güter dieser Welt egal, wenn er liebt, er will dann nicht mehr kämpfen, gibt alles auf, Reichtum, Mammon, Ehre auf dem Schlachtfeld, alles ohne Wert für den liebenden Mann, jawoll. Nur die Liebe zählt, alles Pflaume. Im Arm der Geliebten zu liegen, ihrem unbefleckte Schoße zu huldigen – ja, dafür gibt der Mann alles auf und fürchtet nichts auf der Welt. Karl will direkt auf’s Blutgerüst, dem anderen machte es nichts aus, mitten auf der A 40 seine Liebe herauszuposaunen oder auf ’nem glitschigen regennassen Dachfirst Handstand zu machen und dabei von der Liebe zu singen. Für alle ist es das jeweilige Paradies, das sie sich durch ihre – meistens dann doch unerfüllte – Liebe für den einen Augenblick holen wollen. Ich lob mir den Opitz, der hat seine Dorinde ja irgendwie schon bekommen, sonst wüsste er nicht um das Gefühl, das entsteht, wenn Dorinde sich um seine Schultern wirft. Toll. Liebe und Sex, Schultern, Körperteile, Arme, Schoß und Frauenbrüste – alles besser als Ruhm und Ehre auf dem Scheißschlachtfeld des unseligen Krieges damals. Naja, von Gott auch keine Spur… es sei denn, man bemerkt in Dorinden die übernatürlichen Züge einer Schönheit, die zu Entsagung führt. Entsagung wäre auch ein Thema für den rasend irre gewordenen Karlos, heißblütiger Spanier, der er ist. Der kennt echt keine Verwandten mehr in seiner Verblendung, die eigene Mutter mit ödipalen Anwandlungen zu konfrontieren und zu kompromittieren. Kein Wunder, dass ihn die ihm vom Vater weggeheiratete Geliebtenmutter mit den Worten „Eitler Mann!“ abzuspeisen versucht. Männer sind Schweine – schimmert hier irgendwie durch bei Elli. Sie hält sich an die gesellschaftlichen, sozialen und moralischen Gepflogenheiten menschlichen Zusammenlebens, ein Greis verdient schließlich auch wertgeschätzt zu werden, der hat stumme Mienensprache und ist letztendlich wohl auch in gewisser Weise zärtlich. Danach ist es bei Karl schnell aus, seine Nerven zerreißen, er wird irre, zumindest merkt er, dass er irrt, irgendwie. Campino irrt nicht, hat nur dieses bestimmte Gefühl, mit jemandem in einer gewissen Nacht „unsterblich“ zu sein oder sein zu wollen. Karl ist eine tote Hose gegen ihn, hätte Karl das „Unsterblich“ geschmettert, statt wie ein Irrer sich vor die Füße seiner Stiefmutter zu werfen, vielleicht hätte sie ihn erhört. Fraglich, inwieweit Campino in seinem Lied erhört wird…Oder: Wer wollte schon als Geliebte mit ihm auf der A 40 in der rush hour den Verkehr aufhalten oder auffem Dachfirst und so. Also muss er das alleine machen wohl und wird der Frau dabei locker imponieren können, wenn sie ähnlich einfach gestrickt ist. Die ist ähnlich gestrickt, denn sie haben es sich gegenseitig leicht gemacht, singt er verführerisch. Also Frau, lass dich erweichen, mach’s dir leicht und ihm auch. Kann man an Elli nicht mehr versuchen, die ist eher verbittert, moralisch und tugendhaft, aber liebt nicht mehr. Campinos Suse liebt aber wohl noch, das Lied ist ähnlich getragen schwülstig angelegt wie Opitzens frühbarocke Verse ein wenig dem Lasziven zu huldigen scheinen, so im Sinne von: Ich werf’ mich weg für dich. Karlos wirft sich auch weg, am Ende vor Überwältigung vor Ellis Füße…Staub und Asche, Büßer…hat den Fluch auf sich geladen nur wegen der ollen Fluchzeuge im Bauch. Soll man nich machen sowas, soll man singen wie Campino, Dachrinne raufklettern, von Brücken auf die A 40 springen und wenn die Geliebte das auch noch mitmacht…dann iss man im Paradies und unsterblich. Erinnert mich irgendwie an Romeo und Julia…hab’ ich heut morgen etwas über eine Premiere im Burgtheater gelesen, was wohl eher eine Aufführung für die Metzgerinnung gewesen sein soll. Gespannt bin ich auch noch auf den Danton aus Mülheim – Szenenfotos künden von irgendwie Nackten innem Badewannenboot mit ‚nem Robbespierre als einer Art verspätetem Charon, zumindest denkt man das beim Sehen, Verzeihung, Herr Ciulli, falls ich Ihre Kunst missdeute, aber seit der Badewanne beim Hofmeister, wo sich alle naselang ein Schauspieler hinein übergeben musste oder so, da bin ich so was von skeptisch, aber auch so was von skeptisch gegenüber zeitgenössischem Regietheater. Leute, geht doch mal zurück auf den Text und besinnt euch guter, normaler Kulturvermittlung. Oder soll ich euch den Karlos mal satirisch überhöht inszenieren??? Ich warte erstmal ab, was bei der Triennale abgeht, wenn der Homburger Prinz mit dem Woyzeck verwechselt wird.

Leute, geht alle ins Theater heutzutage, wann immer ihr Gelegenheit dazu habt, aber lest vorher die Texte ansatzweise oder mindestens den Schauspielführer, damit ihr wisst, inwieweit euch die experimentierfreudigen Regisseure quälen wollen. Ja, Kunst ist anstrengend, anstrengender als das Leben…aber sie ist ja auch länger, ars longae, vita brevis…womit wir wieder beim „unsterblich“ sind.

25.9.07 14:04


 

 

 

 

Da sachse wat

 

Unt op ich mir getz grade

Meine Geranijen hier ankucke

Oda irgentwat andereß

Dat iss alles egahl

Dat wirt alles zu Staup –

Irgentwannma -

- jau, ich auch -

oder wennet Asche wirt

zuerßma

so wie fonne Tsigarre

oder so, sach ich ma,

aber dann iss da ja auch Kwalm dabei

bei die Tsigarre und die Asche

unt dat iss kwahsie wieda ne andre

Lehmsform

Also kwahsie ein andren

Agrehgahtzuhschtant

Von wat Lebenndiges

- der Kwalm-

dann iss der Mentsch also

irgenntwieh,

sach ich ma,

ein Agrehgahtzuschtant

unt egahl in wat für ein Zuschtant er iss

sach ich ma

die Gedanken von so ei’n Mentsch

blai’m imma glaich

und fagehn sowieso nich

dat iss also dann wat Ehwigeß

 

1.8.07 00:55


Elterngeschichten - literarisch

Über Väter und Söhne, Mütter und Töchter, Mütter und Söhne, Väter und Töchter – überhaupt: über Eltern und Kinder  ……… in Roman und Drama

 

Odoardo Galotti – ein Vater – tötet seine Tochter. Warum? Tragisch so was. Hatte er bestimmte Gründe, oder war er einfach nur geistig unzurechnungsfähig in dem Moment der Tat. Bekommt er vom Zuschauer mildernde Umstände? Wenn ja, welche? Überhaupt: Dieser Galotti: streng, pflichtbewusst, auf Sitte und Anstand, Zucht und Ordnung und selbstverständlich auf die Einhaltung religiöser Regeln achtend, so ein Vorbild von einem Menschen, Ehemann und Fürstendiener…da muss einem ja langweilig werden. Zuerst sicherlich empfindet sein Eheweib diese Langeweile, ennui pur, sie kann aber natürlich nicht aus einer solchen Beziehung ausbrechen, sich einfach scheiden lassen ging damals nicht, hätte man gleich den Strick nehmen können, pardon, Arsen oder ein ähnliches Gift und das nicht nur für sich selbst. Wenn diese Art der Flucht nicht in Frage kommt, dann projiziert man eben, eskapiert sich durch seine Brut und freut sich, wenn das Töchterlein auch mal eine Affäre mit nem Prinzen hat. Herrlich, kann man als Mutter dann richtig drin schwelgen in der Vorstellung, so als wäre man selbst in der Kirche gewesen und hätte die roten Bäckchen bekommen…aber war nix…bleibt einem nur ein gewöhnliches Techtelmechtel hier und da mit nem Dienstboten…aber rein platonisch, gewiss Frau Galotti, gewiss. Und Angst vorm Herrn Gemahl haben Sie schließlich immer. Und wenn der rausbekommt, dass dieser Prinz ein Auge auf sein heiligstes und behütetes Töchterlein geworfen hat, sie just in dem Moment zu einer affaire dangereux entfachen kann, grad wenn man dieses Töchterlein als Unterpfand für den gesellschaftlichen Aufstieg an einen blass-idiotischen Adligen dritter Klasse verkauft hat, dann …ja, dann nbrodelt es im Herzen des Herrn und es schwillt sein Kamm und er wird ehrenvoller als der ritterlichste Ritter…und bringt die Frucht seiner Lenden lieber um, als dass er ihr ein Leben an sich gönnt. So werden Odoardo und Emilia Opfer einer falschen Ideologie, Ideologien sind immer falsch, weil ohne Leben, sie werden Opfer eines Dünkels, sie dünken sich edler und ehrenvoller von Stand als Prinzen und adliges Gesockse ja von Geburt und qua Amt schon sind. Das ist ein Trugschluss. Adlig sein, heißt nicht immer, dass man dekadent und korrupt ist. Gut, dieser Prinz ist nicht lieb, nein, ist er nicht. Er steht für all die verwerflich-korrupten Adligen, gegen die Lessings Kritik gerichtet war. Aber Lessing kritisiert ebenso scharf die Dummheit und Überheblichkeit eines Bürgertums, das sich aus puritanischen Gründen für ehrenvoller hielt. Sowas klappte damals nur in Amerika und führte allenfalls zu unbegrenztem Reichtum, weil Gott sie alle lieb hatte, zu moralischem Handeln hat es bis heute nicht geführt.

 

Ein Sprung über Jahrhunderte ins nächste Chaos: Das Seelenleben eines Fünfzehnjährigen: Michael Berg trifft Hanna Schmitz. Ödipus auf Urlaub. Mütter und Söhnchen, Jungchen. Von Michaels Familienleben bekommen wir nicht allzu viel mit, der Junge pubertiert eben in den Augen seiner Eltern sehr heftig, indem er regelmäßig von Zuhause weg ist, kleine Geheimnisse hat und über Freundinnen nicht sprechen mag. Er mag ja sowieso nicht sprechen daheim, weil ihm dann wohl öfter die Stimme versagt, denn er muss ja so viel vorlesen. Nun ja, von zwanghaftem Vorlesetrieb kann vorerst nicht die Rede sein, eher von zwanghaftem Geschlechsttrieb, und das beidseitig. Hanna Schmitz als Mutterfigur klar, dann hat Michael aber elterlicherseits Defizite, Freud würde sagen, er ist nicht allzu oft in den Genuss der mütterlichen Laktationsprodukte gekommen. Michael ist Forscher, Entdecker der Weiblichkeit und kleiner Junge zugleich. Kleiner Junge bleibt er bis zum Schluss, verlässt sein pubertierendes Stadium noch nicht einmal, nachdem Hanna ihrem Leben ein Ende gesetzt hat. Das sind die Drachentöter schlechthin, die edlen Helden, die Analphabeten die Literatur nahe bringen in der Hoffnung, sie dadurch dem Stadium der Barbarei zu entreißen. Aber: Analphabeten sind Menschen wie Du und Ich, lieber Michael, es sind keine Barbaren. Hanna jedoch ist aus andren Gründen dem Primitiven nicht entronnen. Hier greift das Primitive nach der Unschuld, das Böse nach dem Guten. Ja, Kinder sind grundsätzlich gut. Michael war gut, bis zur Gelbsucht….übrigens ist Gelb eine Farbe, die nicht weit von Braun entfernt liegt. Michael ist in der Pubertät verführt worden und nicht mehr wieder in ein normales Leben zurückgekehrt, all die Mütter und Frauen in seinem weiteren Leben konnten daran nichts ändern, weil das Böse nach ihm gegriffen hat und gegen das Böse ist man machtlos, der Teufel trägt Prada, das Böse kommt in vielerlei Gestalt daher, erliegt man ihm, wird man Teil von ihm, oder so ähnlich. Als Leser werden wir vertröstet mit dem Gedanken, dass Hanna sich das Leben nimmt, kann sie wenigstens nicht mehr weiter wirken. Hat sie aber. Denn ein Stück Literatur ist entstanden mit so Sätzen wie: Der Sommer war der Gleitflug unserer Liebe. Einer der Sätze, den die Welt nicht braucht, auch wenn ein Kritiker der FAZ meint, diese Sprache sei einfühlsam. Kitsch ist immer definitionsabhängig. Schön und gut: Literatur geht aber anders, Herr B.Sch. Stellen wir uns doch bloß einmal vor, Hanna wäre schwanger geworden. Ja, Hanna schwanger von Michael, so abwegig ist der Gedanke nicht, nicht wahr? Das wäre eine Geschichte von Vätern und Söhnen, nicht wie Heinz Rühmann in den Fünfzigern, von wegen „wenn der Vater mit dem Sohne“ und so. Nein, der fast erwachsene Filius, nennen wir ihn Bernhard Berg wird der Obhut seines unehelichen Vaters Michael Berg anvertraut undsoweiter. Beide arbeiten ihre jeweilige Geschichte auf, beide stünden vor der Geschichte der einst geliebten Frau und Mutter. Das, ja das wäre einen Versuch wert, einmal einen Roman zu schreiben, denn das wäre realistisch, weil es solche Schicksale und Histörchen im Familienkreis im Nachkriegsdeutschland zuhauf gegeben hat.

 

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg und immer ist Krieg seit die Menschen denken, dass es sie gibt. Was macht eine Mutter im Krieg? Nun, sie ist Mutter und qua Amt bringt sie ihre Kinder durch, koste es, was es wolle, sogar unter Aufgabe ihrer eigenen Existenz. Dazu braucht man Courage, Mut, Verzweiflung, Wille. Mutter Courage – tja, tut sie das? Ja, teilweise, am Ende, wenn sie sich für ihre schwachsinnige Tochter entscheidet, endlich, sag ich da. Vorher versucht sie noch alles Mögliche, lässt ihre Söhne dabei draufgehen, aber vielleicht brauchen wir ja der Männer nicht so viele, zur Erhaltung des Menschengeschlechts genügt eine gewisse Anzahl gebärfähiger Frauen. The Children of Men zeigt es uns, beweist es uns. Da finden wir eine bedrückend wahre Mutter Courage. Mütter sind immer Mutter Courage, ob Krieg oder nicht Krieg, soviel Profit kann der Mensch gar nicht machen, als dass er sich jemals grundsätzlich gegen ein Kind entscheiden könnte.

Ja, die Courage ist irgendwie nicht zu packen, ist ja auch schon lange her und letztendlich hat der Brecht sie episch verfremdet auf den Theaterboden gestellt, sodass der Zuschauer erstmal das kleine Organonabitur machen muss, um den Gedanken des Meisters folgen zu können. P.D. James mag ich lieber, das ist aber eine ganz andre Veranstaltung und die Schöpfer des diesjährigen Zentralabiturs hätten gut daran getan, The Children of Men als Lektüre aufzunehmen. Schließlich ist daraus ein Film entstanden, der von Brad Pitt, Matt Damon und George Clooney gelobt wird…von mir selbstverständlich auch.

 

Bleibt am Ende noch Lene Nimptsch…wer so heißt, ogottogott… hat weder Vater noch Mutter…ist Waise und deshalb so weise und glücklich am Ende. Lene gönne ich Kinder. Botho…ach, wer spricht denn heute noch von Ehre, Adel und dem ganzen Pomp mit Popanz, das hat der Fontane schon richtig gesehen…aber die Leutchen damals…die waren ja so gegen ihn und diesen Stoff…bigottes Volk eben, nicht weit von Odoardo entfernt damals…es bedurfte halt mehrerer Kriege und der Atombombe, dass die Welt zu denken begann…

Leute, lest mehr, dann kloppt ihr euch weniger.

6.6.07 19:06


 

 Eine Currywurst ist eine Currywurst ist eine Currywurst ist eine Currywurst ist eine Currywurst ist eine Currywurst ist eine Currywurst

13.4.07 14:53


ZA

 

Mein letzter Tipp – in letzter Sekunde

 

Zentralabitur – Deutsch: Thema „Werbung

 

Ja, Leute, wir bestehen aus Werbung, unsere ganze Welt ist Werbung, wir sind in der Hand einer der am meisten die Wahrheit verbreitenden Industrie.

Welche Schokolade soll ich essen? Frag die Werbung!

Welche Seife soll ich zum Waschen benutzen? – Frag die Werbung!

Was soll ich zum Valentinstag schenken? – Frag die Werbung!

Wie schmeckt mein Schnitzel? – Frag die Werbung!

Welchen Film soll ich nach dem letzten gucken? – Frag die Werbung!

Welche Fragen soll ich stellen? – Frag die Werbung!

Welchen Sarg soll ich kaufen? – Frag die Werbung!

Welche sms soll ich senden? – Frag die Werbung!

Welche Farbe hat mein Herz? – Frag die Werbung!

 

Millionen von Fragen, die tagtäglich wahrheitsgetreu beantwortet werden – das ist Werbung! Das ist die wahre Glaubwürdigkeit! Ich brauche keine Wahrheit mehr, ich brauche Ware! Wahre Werbung – Ware Werbung! Warenwerbung!

Und jetzt noch als Nachgeschmäckle: Was ist die Wurzel der Werbung? Advertising! Jawoll: Advertising, adverts- Englisch ist angesagt. Und was heißt das, wo kommt das Wort her? Ha! Erwischt! Vor 1425 gebraucht im Altenglischen und hat u.a. die Bedeutung: „warnen“! Kommt aus dem Vulgärlatein „avertire“. Werbung warnt also im eigentlichen ursprünglichen Sinne und das auch heute noch wie immer recht vulgär zuweilen. Ich soll also nicht Nutella essen, Tokio Hotel hören und meine Haare mit Schauma waschen, blooooß nicht….

Wie kommt dann dieser Bedeutungswandel zustande zur einzigen Wahrheit hin, an die wir noch glauben können? Wie entwickelt sich etwas vom „Warnen“ zum „Dranglauben“.

Es ist halt die Warnung davor, dass wir dranglauben müssen…eines Tages. Soylent Green ist da ehrlicher. Und immer wieder die Frage nach der empirisch erzeugten Glaubwürdigkeit, die die Wahrheit verschleiert. Ja, ich glaube, damals, einst…vor dem Entstehen dieser Galaxie, da ist die Wahrheit in ein Schwarzes Loch gefallen… oder GOTT ist im Second Life der PC abgestürzt und wir müssen in einer Unendlichkeitsschleife weiter RTL gucken.

 

25.3.07 23:14


Das Leben ist manchmal hundert Pistolen wert – die Ehre schon immer!

Was ist an Lessing so spannend, so brauchbar, so auswertbar?

Emilia Galotti hatten wir. Die arme Seele, sie ist dahin, gemeuchelt von Marinelli, dem opportunistischen Machtmenschen, der intrigant gern oben schwamm. Emilia war dem Prinzen nichts wert, dem Vater alles. Warum hat er sie vom Diesseits ins Jenseits befördert? Weil sein Leben so verdammt klein war im Vergleich mit all den Marinellis und Prinzen, weil das  Leben im Himmel für ihn immer noch größer und glorreicher ist als all die Welt, die doch nur Pflicht und Entsagung bedeutet. Klar, bei der Frau, die sein Eheweib ist. Und da sind wir auch schon beim barocken Gefühl, das Jenseits  m u s s  einfach schöner sein als das Diesseits hier mit diesem dekadent-korrupten Adel. Die haben weder Werte noch Tugenden. Geh hin Emilia, ich lasse dich zieh’n in eine bess’re Welt. Das tut ein Vater, der seine Tochter liebt? Wen liebt Odoardo? Seine Frau??? Gräfin Orsina? Die vielleicht…mal früher, hätte sein können, aber die hätte ihn auch nur kurz ge-braucht und dann wäre er verdampft. Ja, Odoardo liebt sich selbst nur, seine Ehre, seine Prinzipien, seine Religion. Seine Religiosität ist puritanisch geprägt – allem entsagen, auch dem Leben, dann bin ich rein, bin ich besser als der Adel. Adel? Was ist das schon. Pah! Eine Clique nichtsnutziger Erbverwalter. Durfte Lessing so etwas sagen? Teilweise ja, teilweise nein. Liebe und Tod – große Literatur hier in „Emilia Galotti“.

Nur noch Liebe und ein wenig was Andres allerdings in der geliebten Minna. Jaaaa, ich liebe Minna: Dieser Wirt…so eine Art Marinelli für Arme. Diese Minnafrau: toll, voll emanzipiert und das als Adlige, als adliges Fräulein mit Kammerzofe. Es ist ein Liebesspiel, was da getrieben wird, Dekadenz und Pistolen. Lessing wollte mal sein Innerstes herauskehren, er hätte sich sicher so eine Minna für sich selbst gewünscht, aber ich schweife ab, und Lessing schweifte ab in Gedanken, ließ die Minna sich ihren Tellheim heim holen. Ja, wirklich, da hat eine Frau einen Mann genommen. Liebe? Ja, auf Lessing. Erklär’ mir doch mal, Gotthold Ephraim, was Liebe ist?  … Gut hab’ ich verstanden. Und das hast du jetzt in ein Stück umgesetzt in deiner Zeit? Boah! Krass! So voll den Adel als vertrottelt und verkrustet vorgeführt wie das Preußische Schulsystem, unter dem wir alle heute noch leiden und die Dritte Welt kann eh nichts von uns lernen. Aber, ich schweife ab. Tellheim verkriecht sich, weil sein Arm kaputt ist, Pistolen, sag ich doch. Ist auch Geld im Spiel? Tellheim hat nichts mehr zu verlieren, seine Ehre war auch schon mal besser. Der Baguette-Freund stellt das dann rischtisch. Und von da an rollt Minna die Chose von hinten auf, packt sich den Bock, den sie haben will, packt ihn bei der Ehre. Haaaalt! Wo bleibt die Tugend? Die haben beide natürlich. Den Sex deuten die Nebenrollen an. Tellheims Bursche und die Kammerzofe. Verlängerte Anakreontik, Barock nach Bomben, Trümmersex. Also: Minna macht Tellheim so richtig an und bekommt ihn ja, holt ihn vom Roß seiner Ehre und Tugend herunter. Und wie die Frau das macht…das hätte sich Lessing vielleicht auch für sich selbst so gewünscht…aber man schreibt auf, was man gern selbst erlebt hätte…ja, in der Fiktion leben die Sublimationen der Dichter. Schmerz: Schreiben ist Schmerz, und davon hatte Lessing genug. Enges Leben in Hamburg, enges Leben in Wolfenbüttel. Die Lösung: Schreib ein Stück, in dem ich du den Adel vorführst, ohne dass er sich allzu sehr beleidigt fühlt. Beleidigen tun sie sich nur gegenseitig, die Minna und ihr Tellheim. Stolz und Vorurteil…sagte Jane Jahre später. Stolz und Ehre und Tugend sagte Lessing. „Meine Ehre heißt Treue“ sagte man dann auch mal irgendwann, ziemlich viel später. Lessing – ein Stück Deutschland, ein Stück deutsches Geistesgut. Abwarten. Mal anschauen, wie Minna das macht. Im vierten Akt, in der sechsten Szene geht das so:

(v. Tellheim in dem nämlichen Kleide, aber sonst so, wie es Franziska verlangt. Das Fräulein. Franziska.)
Tellheim
Gnädiges Fräulein, Sie werden mein Verweilen entschuldigen -
Fräulein
Oh, Herr Major, so gar militärisch wollen wir es miteinander nicht nehmen. Sie sind ja da! Und ein Vergnügen erwarten, ist auch ein Vergnügen. - Nun? (indem sie ihm lächelnd ins Gesicht sieht) lieber Tellheim, waren wir nicht vorhin Kinder?
Tellheim
Jawohl, Kinder, gnädiges Fräulein; Kinder, die sich sperren, wo sie gelassen folgen sollten.
Fräulein
Wir wollen ausfahren, lieber Major - die Stadt ein wenig zu besehen -, und hernach meinem Oheim entgegen.
Tellheim
Wie?
Fräulein
Sehen Sie, auch das Wichtigste haben wir einander noch nicht sagen können. Ja, er trifft noch heut hier ein. Ein Zufall ist schuld, daß ich einen Tag früher ohne ihn angekommen bin.
Tellheim
Der Graf von Bruchsall? Ist er zurück?
Fräulein
Die Unruhen des Krieges verscheuchten ihn nach Italien; der Friede hat ihn wieder zurückgebracht. - Machen Sie sich keine Gedanken, Tellheim. Besorgten wir schon ehemals das stärkste Hindernis unsrer Verbindung von seiner Seite -
Tellheim
Unserer Verbindung?
Fräulein
Er ist Ihr Freund. Er hat von zu vielen zu viel Gutes von Ihnen gehört, um es nicht zu sein. Er brennet, den Mann von Antlitz zu kennen, den seine einzige Erbin gewählt hat. Er kömmt als Oheim, als Vormund, als Vater, mich Ihnen zu übergeben.
Tellheim
Ah, Fräulein, warum haben Sie meinen Brief nicht gelesen? Warum haben Sie ihn nicht lesen wollen?
Fräulein
Ihren Brief? Ja, ich erinnere mich, Sie schickten mir einen. Wie war es denn mit diesem Briefe, Franziska? Haben wir ihn gelesen, oder haben wir ihn nicht gelesen? Was schrieben Sie mir denn, lieber Tellheim? -
Tellheim
Nichts, als was mir die Ehre befiehlt.
Fräulein
Das ist, ein ehrliches Mädchen, die Sie liebt, nicht sitzen zu lassen. Freilich befiehlt das die Ehre. Gewiß, ich hätte den Brief lesen sollen. Aber was ich nicht gelesen habe, das höre ich ja.
Tellheim
Ja, Sie sollen es hören -
Fräulein
Nein, ich brauch es auch nicht einmal zu hören. Es versteht sich von selbst. Sie könnten eines so häßlichen Streiches fähig sein, daß Sie mich nun nicht wollten? Wissen Sie, daß ich auf Zeit meines Lebens beschimpft wäre? Meine Landsmänninnen würden mit Fingern auf mich weisen. - "Das ist sie", würde es heißen, "das ist das Fräulein von Barnhelm, die sich einbildete, weil sie reich sei, den wackern Tellheim zu bekommen: als ob die wackern Männer für Geld zu haben wären!" So würde es heißen: denn meine Landsmänninnen sind alle neidisch auf mich. Daß ich reich bin, können sie nicht leugnen; aber davon wollen sie nichts wissen, daß ich auch sonst noch ein ziemlich gutes Mädchen bin, das seines Mannes wert ist. Nicht wahr, Tellheim?
Tellheim
Ja, ja, gnädiges Fräulein, daran erkenne ich Ihr Landsmanninnen. Sie werden Ihnen einen abgedankten, an seiner Ehre gekränkten Offizier, einen Krüppel, einen Bettler, trefflich beneiden.
Fräulein
Und das alles wären Sie? Ich hörte so was, wenn ich mich nicht irre, schon heute vormittage. Da ist Böses und Gutes untereinander. Lassen Sie uns doch jedes näher beleuchten. - Verabschiedet sind Sie? So höre ich. Ich glaubte, Ihr Regiment sei bloß untergesteckt worden. Wie ist es gekommen, daß man einen Mann von Ihren Verdiensten nicht beibehalten?
Tellheim
Es ist gekommen, wie es kommen müssen. Die Großen haben sich überzeugt, daß ein Soldat aus Neigung für sie ganz wenig, aus Pflicht nicht viel mehr, aber alles seiner eignen Ehre wegen tut. Was können sie ihm also schuldig zu sein glauben? Der Friede hat ihnen mehrere meinesgleichen entbehrlich gemacht, und am Ende ist ihnen niemand unentbehrlich.
Fräulein
Sie sprechen, wie ein Mann sprechen muß, dem die Großen hinwiederum sehr entbehrlich sind. Und niemals waren sie es mehr als jetzt. Ich sage den Großen meinen großen Dank, daß sie ihre Ansprüche auf einen Mann haben fahren lassen, den ich doch nur sehr ungern mit ihnen geteilet hätte. - Ich bin Ihre Gebieterin, Tellheim; Sie brauchen weiter keinen Herrn. - Sie verabschiedet zu finden, das Glück hätte ich mir kaum träumen lassen! - Doch Sie sind nicht bloß verabschiedet: Sie sind noch mehr. Was sind Sie noch mehr? Ein Krüppel: sagten Sie? Nun (indem sie ihn von oben bis unten betrachtet), der Krüppel ist doch noch ziemlich ganz und gerade; scheinet doch noch ziemlich gesund und stark. - Lieber Tellheim, wenn Sie auf den Verlust Ihrer gesunden Gliedmaßen betteln zu gehen denken: so prophezeie ich Ihnen voraus, daß Sie vor den wenigsten Türen etwas bekommen werden; ausgenommen vor den Türen der gutherzigen Mädchen wie ich.
Tellheim
Jetzt höre ich nur das mutwillige Mädchen, liebe Minna.
Fräulein
Und ich höre in Ihrem Verweise nur das Liebe Minna - Ich will nicht mehr mutwillig sein. Denn ich besinne mich, daß Sie allerdings ein kleiner Krüppel sind. Ein Schuß hat Ihnen den rechten Arm ein wenig gelähmt. - Doch alles wohl überlegt: so ist auch das so schlimm nicht. Um soviel sichrer bin ich vor Ihren Schlägen.
Tellheim
Fräulein!
Fräulein
Sie wollen sagen: Aber Sie um soviel weniger vor meinen. Nun, nun, lieber Tellheim, ich hoffe, Sie werden es nicht dazu kommen lassen.
Tellheim
Sie wollen lachen, mein Fräulein. Ich beklage nur, daß ich nicht mitlachen kann.
Fräulein
Warum nicht? Was haben Sie denn gegen das Lachen? Kann man denn auch nicht lachend sehr ernsthaft sein? Lieber Major, das Lachen erhält uns vernünftiger als der Verdruß. Der Beweis liegt vor uns. Ihre lachende Freundin beurteilet Ihre Umstände weit richtiger als Sie selbst. Weil Sie verabschiedet sind, nennen Sie sich an Ihrer Ehre gekränkt; weil Sie einen Schuß in dem Arme haben, machen Sie sich zu einem Krüppel. Ist das so recht? Ist das keine Übertreibung? Und ist es meine Einrichtung, daß alle Übertreibungen des Lächerlichen so fähig sind? Ich wette, wenn ich Ihren Bettler nun vornehme, daß auch dieser ebensowenig Stich halten wird. Sie werden einmal, zweimal, dreimal Ihre Equipage verloren haben; bei dem oder jenem Bankier werden einige Kapitale jetzt mitschwinden; Sie werden diesen und jenen Vorschuß, den Sie im Dienste getan, keine Hoffnung haben wiederzuerhalten: aber sind Sie darum ein Bettler? Wenn Ihnen auch nichts übriggeblieben ist, als was mein Oheim für Sie mitbringt -
Tellheim
Ihr Oheim, gnädiges Fräulein, wird für mich nichts mitbringen.
Fräulein
Nichts als die zweitausend Pistolen, die Sie unsern Ständen so großmütig vorschossen.
Tellheim
Hätten Sie doch nur meinen Brief gelesen, gnädiges Fräulein!
Fräulein
Nun ja, ich habe ihn gelesen. Aber was ich über diesen Punkt darin gelesen, ist mir ein wahres Rätsel. Unmöglich kann man Ihnen aus einer edlen Handlung ein Verbrechen machen wollen. - Erklären Sie mir doch, lieber Major -
Tellheim
Sie erinnern sich, gnädiges Fräulein, daß ich Ordre hatte, in den Ämtern Ihrer Gegend die Kontribution mit der äußersten Strenge bar beizutreiben. Ich wollte mir diese Strenge ersparen und schoß die fehlende Summe selbst vor. -
Fräulein
Jawohl erinnere ich mich. - Ich liebte Sie um dieser Tat willen, ohne Sie noch gesehen zu haben.
Tellheim
Die Stände gaben mir ihren Wechsel, und diesen wollte ich bei Zeichnung des Friedens unter die zu ratihabierende Schulden eintragen lassen. Der Wechsel ward für gültig erkannt, aber mir ward das Eigentum desselben streitig gemacht. Man zog spöttisch das Maul, als ich versicherte, die Valute bar hergegeben zu haben. Man erklärte ihn für eine Bestechung, für das Gratial der Stände, weil ich so bald mit ihnen auf die niedrigste Summe einig geworden war, mit der ich mich nur im äußersten Notfalle zu begnügen Vollmacht hatte. So kam der Wechsel aus meinen Händen, und wenn er bezahlt wird, wird er sicherlich nicht an mich bezahlt. - Hierdurch, mein Fräulein, halte ich meine Ehre für gekränkt; nicht durch den Abschied, den ich gefordert haben würde, wenn ich ihn nicht bekommen hätte. - Sie sind ernsthaft, mein Fräulein? Warum lachen Sie nicht? Ha, ha, ha! Ich lache ja.
Fräulein
Oh, ersticken Sie dieses Lachen, Tellheim! Ich beschwöre Sie! Es ist das schreckliche Lachen des Menschenhasses! Nein, Sie sind der Mann nicht, den eine gute Tat reuen kann, weil sie üble Folgen für ihn hat. Nein, unmöglich können diese üble Folgen dauren! Die Wahrheit muß an den Tag kommen. Das Zeugnis meines Oheims, aller unsrer Stände -
Tellheim
Ihres Oheims! Ihrer Stände! Ha, Ha, ha!
Fräulein
Ihr Lachen tötet mich, Tellheim! Wenn Sie an Tugend und Vorsicht glauben, Tellheim, so lachen Sie so nicht! Ich habe nie fürchterlicher fluchen hören, als Sie lachen. - Und lassen Sie uns das Schlimmste setzen! Wenn man Sie hier durchaus verkennen will: so kann man Sie bei uns nicht verkennen. Nein, wir können, wir werden Sie nicht verkennen, Tellheim. Und wenn unsere Stände die geringste Empfindung von Ehre haben, so weiß ich, was sie tun müssen. Doch ich bin nicht klug: was wäre das nötig? Bilden Sie sich ein, Tellheim, Sie hätten die zweitausend Pistolen an einem wilden Abende verloren. Der König war eine unglückliche Karte für Sie: die Dame (auf sich weisend) wird Ihnen desto günstiger sein. - Die Vorsicht, glauben Sie mir, hält den ehrlichen Mann immer schadlos; und öfters schon im voraus. Die Tat, die Sie einmal um zweitausend Pistolen bringen sollte, erwarb mich Ihnen. Ohne diese Tat würde ich nie begierig gewesen sein, Sie kennenzulernen. Sie wissen, ich kam uneingeladen in die erste Gesellschaft, wo ich Sie zu finden glaubte. Ich kam bloß Ihrentwegen. Ich kam in dem festen Vorsatze, Sie zu lieben - ich liebte Sie schon! - in dem festen Vorsatze, Sie zu besitzen, wenn ich Sie auch so schwarz und häßlich finden sollte als den Mohr von Venedig. Sie sind so schwarz und häßlich nicht; auch so eifersüchtig werden Sie nicht sein. Aber Tellheim, Tellheim, Sie haben doch noch viel Ähnliches mit ihm! Oh, über die wilden, unbiegsamen Männer, die nur immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften! für alles andere Gefühl sich verhärten! - Hierher Ihr Auge! auf mich, Tellheim! (Der indes vertieft und unbeweglich mit starren Augen immer auf eine Stelle gesehen.) Woran denken Sie? Sie hören mich nicht?
Tellheim
(zerstreut). O ja! Aber sagen Sie mir doch, mein Fräulein: wie kam der Mohr in venetianische Dienste? Hatte der Mohr kein Vaterland? Warum vermietete er seinen Arm und sein Blut einem fremden Staate? -
Fräulein
(erschrocken). Wo sind Sie, Tellheim? - Nun ist es Zeit, daß wir abbrechen. - Kommen Sie! (Indem sie ihn bei der Hand ergreift.) - Franziska, laß den Wagen vorfahren.
Tellheim
(der sich von dem Fräulein losreißt und der Franziska nachgeht). Nein, Franziska, ich kann nicht die Ehre haben, das Fräulein zu begleiten. - Mein Fräulein, lassen Sie mir noch heute meinen gesunden Verstand, und beurlauben Sie mich. Sie sind auf dem besten Wege, mich darum zu bringen. Ich stemme mich, soviel ich kann. - Aber weil ich noch bei Verstande bin: so hören Sie, mein Fräulein, was ich fest beschlossen habe, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll. - Wenn nicht noch ein glücklicher Wurf für mich im Spiele ist, wenn sich das Blatt nicht völlig wendet, wenn -
Fräulein
Ich muß Ihnen ins Wort fallen, Herr Major. - Das hätten wir ihm gleich sagen sollen, Franziska. Du erinnerst mich auch an gar nichts. - Unser Gespräch würde ganz anders gefallen sein, Tellheim, wenn ich mit der guten Nachricht angefangen hätte, die Ihnen der Chevalier de la Marliniere nur eben zu bringen kam.
Tellheim
Der Chevalier de la Marliniere? Wer ist das?
Franziska
Es mag ein ganz guter Mann sein, Herr Major, bis auf -
Fräulein
Schweig, Franziska! - Gleichfalls ein verabschiedeter Offizier, der aus holländischen Diensten -
Tellheim
Ha! der Leutnant Riccaut!
Fräulein
Er versicherte, daß er Ihr Freund sei
Tellheim
Ich versichere, daß ich seiner nicht bin.
Fräulein
Und daß ihm, ich weiß nicht welcher Minister, vertrauet habe, Ihre Sache sei dem glücklichsten Ausgange nahe. Es müsse ein königliches Handschreiben an Sie unterwegens sein -
Tellheim
Wie kämen Riccaut und ein Minister zusammen? - Etwas zwar muß in meiner Sache geschehen sein. Denn nur jetzt erklärte mir der Kriegszahlmeister, daß der König alles niedergeschlagen habe, was wider mich urgieret worden, und daß ich mein schriftlich gegebenes Ehrenwort, nicht eher von hier zu gehen, als bis man mich völlig entladen habe, wieder zurücknehmen könne. - Das wird es aber auch alles sein. Man wird mich wollen laufen lassen. Allein man irrt sich; ich werde nicht laufen. Eher soll mich hier das äußerste Elend vor den Augen meiner Verleumder verzehren -
Fräulein
Hartnäckiger Mann!
Tellheim
Ich brauche keine Gnade, ich will Gerechtigkeit. Meine Ehre -
Fräulein
Die Ehre eines Mannes wie Sie -
Tellheim
(hitzig). Nein, mein Fräulein, Sie werden von allen Dingen recht gut urteilen können, nur hierüber nicht. Die Ehre ist nicht die Stimme unsers Gewissen, nicht das Zeugnis weniger Rechtschaffnen - -
Fräulein
Nein, nein, ich weiß wohl. - Die Ehre ist - die Ehre.
Tellheim
Kurz, mein Fräulein - Sie haben mich nicht ausreden lassen. - Ich wollte sagen: wenn man mir das Meinige so schimpflich vorenthält, wenn meiner Ehre nicht die vollkommenste Genugtuung geschieht, so kann ich, mein Fräulein, der Ihrige nicht sein. Denn ich bin es in den Augen der Welt nicht wert zu sein. Das Fräulein von Barnhelm verdienet einen unbescholtenen Mann. Es ist eine nichtswürdige Liebe, die kein Bedenken trägt, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen. Es ist ein nichtswürdiger Mann, der sich nicht schämet, sein ganzes Glück einem Frauenzimmer zu verdanken, dessen blinde Zärtlichkeit -
Fräulein
Und das ist Ihr Ernst, Herr Major? - (Indem sie ihm plötzlich den Rücken wendet.) Franziska!
Tellheim
Werden Sie nicht ungehalten, mein Fräulein -
Fräulein
(beiseite zur Franziska). Jetzt wäre es Zeit! Was rätst du mir, Franziska? -
Franziska
Ich rate nichts. Aber freilich macht er es Ihnen ein wenig zu bunt. -
Tellheim
(der sie zu unterbrechen kömmt). Sie sind ungehalten, mein Fräulein -
Fräulein
(höhnisch). Ich? im geringsten nicht.
Tellheim
Wenn ich Sie weniger liebte, mein Fräulein -
Fräulein
(noch in diesem Tone). O gewiß, es wäre mein Unglück! - Und sehen Sie, Herr Major, ich will Ihr Unglück auch nicht. - Mann muß ganz uneigennützig lieben. - Ebensogut, daß ich nicht offenherziger gewesen bin! Vielleicht würde mir Ihr Mitleid gewähret haben, was mir Ihre Liebe versagt. - (Indem sie den Ring langsam vom Finger zieht.)
Tellheim
Was meinen Sie damit, Fräulein?
Fräulein
Nein, keines muß das andere weder glücklicher noch unglücklicher machen. So will es die wahre Liebe! Ich glaube Ihnen, Herr Major; und Sie haben zuviel Ehre, als daß Sie die Liebe verkennen sollten.
Tellheim
Spotten Sie, mein Fräulein?
Fräulein
Hier! Nehmen Sie den Ring wieder zurück, mit dem Sie mir Ihre Treue verpflichtet. (Überreicht ihm den Ring.) Es sei drum! Wir wollen einander nicht gekannt haben!
Tellheim
Was höre ich?
Fräulein
Und das befremdet Sie? - Nehmen Sie, mein Herr. - Sie haben sich doch wohl nicht bloß gezieret?
Tellheim
(indem er den Ring aus ihrer Hand nimmt). Gott! So kann Minna sprechen! -
Fräulein
Sie können der Meinige in einem Falle nicht sein: ich kann die Ihrige in keinem sein. Ihr Unglück ist wahrscheinlich; meines ist gewiß. - Leben Sie wohl! (Will fort.)
Tellheim
Wohin, liebste Minna?
Fräulein
Mein Herr, Sie beschimpfen mich jetzt mit dieser vertraulichen Benennung.
Tellheim
Was ist Ihnen, mein Fräulein? Wohin?
Fräulein
Lassen Sie mich. - Meine Tränen vor Ihnen zu verbergen, Verräter! (Geht ab.)

Wie kann, ja wie kann eine Frau zu einem Mann sagen „Hartnäckiger Mann!“. Doch nur, wenn sie ihn zu etwas gänzlich anderem überreden will. Schafft sie ja auch, packt ihn bei seiner Ehre, seiner Tugend, seinem Leben, seinem Stolz, beleidigt ihn geradezu…und dann…ist er weich und reif und fertig, in kleinen Portionen für sie zum Verspeisen bereit, das Spinnenweibchen hat zugeschlagen, das Männchen zuckt nur noch, wird gleich ausgesaugt und übrig bleibt: das ewig Weibliche! Vorgriff auf Faust. Ja, Goethe war gut…vor 175 Jahren ist er gestorben.

Soviel dazu, morgen mehr….

24.3.07 02:40


Über die poetische Ungewißheit des Himmels und die willkürliche des meteorologischen Diskurses oder: Wenn ich morgens ohne Schirm aus dem Haus gehe, bin ich ein Dichter

 

Jeder Mensch ist dem Dichter gleich, wenn er den Himmel anschaut, das Wetter wahrzunehmen versucht. Man fühlt Regen und Sonnenstrahlen immer sehr unmittelbar auf der Haut und überträgt dieses Gefühl in seinen Wahrnehmungsapparat, wo es dann – eventuell, falls erforderlich – versprachlicht wird zum Zwecke der inneren Kommunikation mit sich selbst, etwa im Stil wie, nehme ich einen Schirm mit, setze ich eine Kopfbedeckung auf oder nicht. Ganz anders dagegen der Wetterbericht im Fernsehen: Inszenierung eines Betruges. Betrug an der Schönheit der Empfingung. Meteorolgie ist wissenschaftlich untermauerte Glaubwürdigkeit und somit referentiell relativ, somit gefühllos und wenig dem ursprünglich Menschlichen zuzuordnen. Wetter ist nur ein Wort. Gefühl ist mehr. Die Sprache lehrt uns aber, dass wir beides mehr innehaben als wir vermeintlich „denken“. Allein das Wort „wetterfühlig“ weist uns hier einen Weg aus der vorbestimmten globalisierten Medienhörigkeit. Wenn ich „wetterfühlig“ bin, gehe ich über das Empirische hinaus, mein Körper weist mir wieder den Weg aus den Medien hinaus, leitet mich hinaus aus der Matrix der Verstrickungen, aus der Abhängigkeit.

Wir werden niemals wissen, was aus dem Himmel kommt, Regen oder Sonne. Der Dichter beschreibt es immer vorsichtig genug, weil seine Gewissheit dem Urgefühl des Menschen universell gleichkommt. Ganz anders dagegen der Meteorologe, die androgyne Wetterverkaufsfigur im Wetterbericht. Hier wird nicht Wissen sondern pseudo-authentische Glaubwürdigkeit verkauft und inszeniert. Glaubwürdigkeit aber ist nicht gleich Wahrheit. Gefühl ist immer wahr, ist immer Wahrheit. Ob Wetter, Nachrichten oder human interest story, alles ist relativ und referentiell, objektiviert und gruppiert, vorgekostet und abgepackt in sense units, die allmählich und unmerklich den freien Geist standardisieren, benutzbar und milliardenfach verfügbar machen. Identitäten werden identisch, das Individuum geht unter. Am Morgen setzen alle dieselbe Kappe auf, weil sie denselben Wetterbericht verfolgt haben und die Sonne scheint trotzdem immer weiter. Aber gibt es diese Sonne wirklich, oder stammt sie nur aus einem anderen referentiellen System? Für den Dichter gibt es immer nur diese eine Sonne, und sie scheint ihm. Alle Menschen, denen sie scheint, werden in dem Moment zu Dichtern, können das Poetische in sich erkennen, wenn sie in demselben Moment die Unglaubwürdigkeit jenes Wetterberichtes erkennen, der ihnen Regen glaubwürdig und diskursiv-referentiell vermittelt hatte. Jedoch lässt sie die medial-diskontinuierlich gestaltete Welt, in der sie leben, nicht an ihre eigene Wahrheit des Gefühls glauben, ihr eigenes Gefühl kommt ihnen lächerlich vor, sie verneinen den poetischen Moment in sich und werden zu den medienabhängigen Lemmingen, in deren Spiegelbild sie schauen, wohin sie auch blicken.

Es ist einfach. Glaube nicht an das Glaubwürdige, glaube an das, was du siehst, wenn du morgens in den Himmel schaust, und wenn du dann viele Menschen mit Hüten, Kappen und Regenschirmen siehst, du aber unbeschirmt und unbedeckten Hauptes der Sonne entgegenblinzelnd zum Himmel schaust, dann, ja dann bist du ein Freier unter freiem Himmel und könntest grad in dem Moment ein Lied davon singen, das dich davonträgt.

10.3.07 00:47


Findet Nero – oder: Der Gummistiefel schlägt zurück

 

Die Sprache – unendliche Weiten. Täglich erleben wir Abenteuer in ihr und mit ihr, ohne zu wissen, was wirklich dahinter steckt.

Nein, es geht nicht um die kantische Frage nach dem Woher und Wohin und dem Sinn und dem Ding an sich. Es geht um all das, was wir mit den Dingen tun, indem wir sie benennen und was die Dinge mit uns nicht tun können, weil wir die Macht über sie haben. Aber dies ist nur eine scheinbare Macht.

 

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke

 

Ja, der sensible Rilke hat das kunstmäßig so ausgedrückt, und schaut man es sich heute an, dann steckt viel mehr noch hinter diesen Rilke-Worten.

Also: Was machen wir mit den Dingen? Wir benennen sie. Wir sagen dem Stuhl Stuhl und dem Gummistiefel Gummistiefel. Aber wer garantiert uns, dass der Stuhl auch Stuhl ist, dass der Gummistiefel auch einer ist. Die Dinge können sich nicht wehren, können nicht zurückschlagen, können nicht sagen, wie und was sie wirklich sind. Was ist wirklich? Was ist Wirklichkeit? Auch nur ein „Wort“. Ja, wir sprechen Dinge so deutlich aus, wir sprechen aus und geben Bedeutung, verleihen einer Sache ein Zeichen. Das ist noch gelinde ausgedrückt, besser gesagt, wir üben Gewalt an einer Sache aus, indem wir sie be-zeichnen. Damit machen wir die Sache zu etwas Bezeichnetem. Und die Sprache ist das Werkzeug unserer Macht. Ja, wir herrschen, wir sind mächtig, wir sind die Größten! Und davor hat Rilke hier Angst, fürchtet sich vor der Menschen Wort. Gib mir eine Sache, ich zwinge ihr ein Wort auf und schon beherrsche ich sie. Sprache ist Voodoo. Ich bohre sprachliche Nadeln in den Gummistiefel, wenn ich Stuhl zu ihm sage, aber dadurch erst beherrsche ich ihn. Alles um uns herum leidet unter uns, weil wir es so wollen, weil wir mit Sprache leiden machen.

Und gleichzeitig leiden wir eben auch.

Weil mit uns dasselbe geschieht.

Weil wir der Matrix nicht entkommen.

Die Matrix ist hier als Geflecht von Bedeutungsbeziehungen zu verstehen.

Neuronale Verästelungen, kapillare Nuancierungen von Versprachlichungen der Welt.

Welt ist da und muss als unser Lebensraum begriffen werden. Im Stadium des Begreifens sind wir naiv, primitiv, gewalttätig und zeigen unser wahres Neandertaler-Gesicht. Nachdem der homo erectus „begriffen“ hatte, Feuer gemacht hatte, Mammuts in die Höhle zum Verzehr gebracht hatte, begann er langsam eine neue Art der Gewalt auszuüben. Er zeichnete die Tiere an die Höhlenwände und beherrschte sie bald auch mit Hilfe primitivster guttural geäußerter Kehllaute. Die Matrix war geschaffen, die Tür zum Hyperraum öffnete sich einen Spalt, es dauerte aber noch etliche tausend Jahre, bis der homo sapiens mit dem Licht der Aufklärung in diesen Hyperraum hineinzuleuchten imstande war. Und wie er sich dann freute und wie er dann leuchtete mit der Taschenlampe seines schmalspurigen Geistes. Knappe 250 Jahre weiter leuchten wir heute nicht mehr, die Scheinwerfer sind auf volle Leistung geschaltet, wir haben den Hyperraum betreten – und versuchen in dem kleinen Bereich, der uns erschlossen ist zu leben. Aber wie leben wir dort? Indem wir Macht ausüben, indem wir einfach das tun, was der primitive Neandertaler auf seine Weise auch schon getan hat, als er versuchte über das Stadium des bloßen „Begreifens“ von Wirklichkeit hinauszuwachsen. Wie gut hatte es doch der Neandertaler. Er malte schlicht und einfach seine Höhlenbilder. In unseren Hyperraum-Höhlen haben wir auch Bilder. Tagtägliche Gewalt üben wirt aus und tagtäglich wird an uns Gewalt ausgeübt. Längst schon muss sich Rilke nicht mehr vor der Menschen Wort allein nur fürchten, der heutige Rilke muss sich vor RTL , Pro7, der NASA und Google fürchten. Als Neandertaler ist es uns gleich, wir haben das Mammut in der Kühltruhe oder essen fastfood. Aber vom Neandertaler unterscheidet uns der Quantensprung der Sprache, mit der wir viel subtiler Dinge bezeichnen können, mit der wir viel subtiler MACHT ausüben können. Hinter jeder Ecke, auf jeder Plakatwand in jedem mp3- und mp4-file lauert Diskontinuierliches. Wir werden von einer Matrix beherrscht, die wir selbst entwickelt haben und tagtäglich verfeinern. Wir merken nicht einmal, wenn unsere Gehirnstrukturen aufgeweicht werden, wenn wir uns vorgaukeln, durch alles Erklären alles erklären zu können. Dann nämlich sind wir mittendrin in der Matrix und durch tägliches Tun verfeinern wir das Spinnennetz dieser Matrix – es gibt kein Entrinnen mehr. Mit geradezu naiver Freude bezeichnen wir täglich Dinge neu, die wir zu ent-decken glauben, dabei decken wir sie gerade in dem Moment mit unserer Sprache zu, nehmen ihnen ihren eigenen Raum zum Leben.

Eines Tages wird der Gummistiefel uns sagen, wer oder was er wirklich ist, aber dann ist es nicht mehr unsere Wirklichkeit. Findet Nero.

 

8.3.07 20:34


Brecht und das Mädchen

Bertolt Brecht

Entdeckung an einer jungen Frau (1925/26)

 

       Des Morgens nüchterner Abschied, eine Frau
       Kühl zwischen Tür und Angel, kühl besehn.
       Da sah ich: eine Strähn in ihrem Haar war grau
       Ich konnt mich nicht entschließen mehr zu gehen.

5     Stumm nahm ich ihre Brust, und als sie fragte
       Warum ich Nachtgast nach Verlauf der Nacht
       Nicht gehen wolle, denn so war’s gedacht
       Sah ich sie unumwunden an und sagte:

       Ist’s nur noch eine Nacht, will ich noch bleiben
10   Doch nütze deine Zeit; das ist das Schlimme
       Daß du so zwischen Tür und Angel stehst.

       Und laß uns die Gespräche rascher treiben
       Denn wir vergaßen ganz, dass du vergehst.

       Und es verschlug Begierde mir die Stimme.

 

 

Brecht und das Mädchen: Eine Betrachtung

 

Ein Text zunächst, ein Gedicht, ja, ein Sonett ganz bestimmt. Als Sonett selbstverständlich in schönster petrarkischer Tradition als Liebesgedicht verfasst. Reimend abab, cddc, efg, egf. Scherzkeks, der Brecht, hat er die Reime aber ziemlich durchgeschüttelt hier und hält sich überhaupt an kein gängiges noch so barockes Schema. Muss wohl der Kreislauf gewesen sein. Kreislauf auch in inhaltlicher Hinsicht, denn am Ende geht’s ja von vorne los, obwohl er sich am Anfang verabschieden will. Überhaupt: Abschied von der Geliebten fällt ja immer schwer, deshalb lieber kühl bleiben und klaren Kopf behalten. Klar, dann fallen eben auch Details auf wie eine graue Haarsträne. Ab und zu wirkt so eine Strähne durchaus sexy, und so fühlt sich unser Sprecher hier denn auch wieder angezogen und ab dem zweiten Quartett ist’s schon wieder vorbei mit dem Abschied. Die Mädchenfrau war nicht ganz drauf eingerichtet, dachte wohl nur an eine Nacht und da fasst der Kerl ihr schon wieder an den Busen und kehrt im ersten Terzett komplett den Macho raus, indem er ihr eine weitere Nacht androhend vorschlägt. Die leichte Drohung besteht eher wohl darin, dass er nur eine weitere Nacht bleiben will. Letztendlich ist das Mädchen nicht ganz unschuldig an dieser Verflechtung, denn sie steht da so zwischen Tür und Angel, höchstwahrscheinlich in irgendeiner leichten Morgenbekleidung und reizt den Typen. Aber wohl nicht genug, denn er findet es schlimm, dass sie ihre Zeit nicht besser nutzt, soll carpediem-mäßig mal die Gespräche rascher vorantreiben, denn, und jetzt kommt’s, die Vergänglichkeit aller Schönheit lauert hinterm Türpfosten. Der weiblichen Vergänglichkeit setzt der Sprecher eine gewisse männliche Gier und Begierde entgegen, das Tierische blitzt auf. Ja, so ist der Mann, sieht nur am Weibe den Verfall, nicht bei sich selbst ihn auch suchend, sieht stattdessen von hieran blind nur noch ein Ziel, weiß nicht mehr weiter, kann nicht mehr sprechen.

Schöne Volta dort in Z. 13 ,eingeleitet durch „denn“, hier spielt er ein wenig mit der Shakespeare-Form des Sonetts, aber natürlich ist die klassische Volta zwischen Z. 8 und 9 zu suchen, wo es dann nur noch um die eine zusätzliche Nacht geht.

Zusammenfassend: Aus nüchternem Abschied wird stimmeverschlagende Begierde. Warum? Nun hier hilft mal wieder der Titel weiter. Der Sprecher hat halt noch etwas „entdeckt“ an dem jungen Weibe. Muss wohl sehr dunkel gewesen sein in der Nacht, da kann man dann keine grauen Strähnen mehr wahrnehmen, vielleicht kann man bei so was sowieso nicht mehr viel wahrnehmen, erst am Morgen wieder und dann kann man danach wider nicht mehr viel wahrnehmen und danach ist Vergänglichkeit angesagt, aber nicht beim Manne, der hat nur Begierde. Überhaupt scheint Begierde hier dem Verfall die Stirn zu bieten. Das ist überheblich genug, wie auch der gesamte Ton des Textes in leicht arrogant-überheblicher Manier gestaltet ist. Andererseits erscheint der Sprecher immer auch ein wenig verwirrt, Enjambements in den Quartetten wie auch das komplett durchgeschüttelte Reimschema deuten daraufhin. Mit andern Worten: Er ist ein wenig fremdgesteuert, ein andres Wort versagt sich der Verfasser hier. Triebe, Liebe, das Gedicht hat alles, was so ein 25-Jähriger Jungdichter draufhaben kann.

26.2.07 17:27


Brecht und das Mädchen

Bertolt Brecht

Entdeckung an einer jungen Frau (1925/26)

 

       Des Morgens nüchterner Abschied, eine Frau
       Kühl zwischen Tür und Angel, kühl besehn.
       Da sah ich: eine Strähn in ihrem Haar war grau
       Ich konnt mich nicht entschließen mehr zu gehen.

5     Stumm nahm ich ihre Brust, und als sie fragte
       Warum ich Nachtgast nach Verlauf der Nacht
       Nicht gehen wolle, denn so war’s gedacht
       Sah ich sie unumwunden an und sagte:

       Ist’s nur noch eine Nacht, will ich noch bleiben
10   Doch nütze deine Zeit; das ist das Schlimme
       Daß du so zwischen Tür und Angel stehst.

       Und laß uns die Gespräche rascher treiben
       Denn wir vergaßen ganz, dass du vergehst.

       Und es verschlug Begierde mir die Stimme.

 

 

Brecht und das Mädchen: Eine Betrachtung

 

Ein Text zunächst, ein Gedicht, ja, ein Sonett ganz bestimmt. Als Sonett selbstverständlich in schönster petrarkischer Tradition als Liebesgedicht verfasst. Reimend abab, cddc, efg, egf. Scherzkeks, der Brecht, hat er die Reime aber ziemlich durchgeschüttelt hier und hält sich überhaupt an kein gängiges noch so barockes Schema. Muss wohl der Kreislauf gewesen sein. Kreislauf auch in inhaltlicher Hinsicht, denn am Ende geht’s ja von vorne los, obwohl er sich am Anfang verabschieden will. Überhaupt: Abschied von der Geliebten fällt ja immer schwer, deshalb lieber kühl bleiben und klaren Kopf behalten. Klar, dann fallen eben auch Details auf wie eine graue Haarsträne. Ab und zu wirkt so eine Strähne durchaus sexy, und so fühlt sich unser Sprecher hier denn auch wieder angezogen und ab dem zweiten Quartett ist’s schon wieder vorbei mit dem Abschied. Die Mädchenfrau war nicht ganz drauf eingerichtet, dachte wohl nur an eine Nacht und da fasst der Kerl ihr schon wieder an den Busen und kehrt im ersten Terzett komplett den Macho raus, indem er ihr eine weitere Nacht androhend vorschlägt. Die leichte Drohung besteht eher wohl darin, dass er nur eine weitere Nacht bleiben will. Letztendlich ist das Mädchen nicht ganz unschuldig an dieser Verflechtung, denn sie steht da so zwischen Tür und Angel, höchstwahrscheinlich in irgendeiner leichten Morgenbekleidung und reizt den Typen. Aber wohl nicht genug, denn er findet es schlimm, dass sie ihre Zeit nicht besser nutzt, soll carpediem-mäßig mal die Gespräche rascher vorantreiben, denn, und jetzt kommt’s, die Vergänglichkeit aller Schönheit lauert hinterm Türpfosten. Der weiblichen Vergänglichkeit setzt der Sprecher eine gewisse männliche Gier und Begierde entgegen, das Tierische blitzt auf. Ja, so ist der Mann, sieht nur am Weibe den Verfall, nicht bei sich selbst ihn auch suchend, sieht stattdessen von hieran blind nur noch ein Ziel, weiß nicht mehr weiter, kann nicht mehr sprechen.

Schöne Volta dort in Z. 13 ,eingeleitet durch „denn“, hier spielt er ein wenig mit der Shakespeare-Form des Sonetts, aber natürlich ist die klassische Volta zwischen Z. 8 und 9 zu suchen, wo es dann nur noch um die eine zusätzliche Nacht geht.

Zusammenfassend: Aus nüchternem Abschied wird stimmeverschlagende Begierde. Warum? Nun hier hilft mal wieder der Titel weiter. Der Sprecher hat halt noch etwas „entdeckt“ an dem jungen Weibe. Muss wohl sehr dunkel gewesen sein in der Nacht, da kann man dann keine grauen Strähnen mehr wahrnehmen, vielleicht kann man bei so was sowieso nicht mehr viel wahrnehmen, erst am Morgen wieder und dann kann man danach wider nicht mehr viel wahrnehmen und danach ist Vergänglichkeit angesagt, aber nicht beim Manne, der hat nur Begierde. Überhaupt scheint Begierde hier dem Verfall die Stirn zu bieten. Das ist überheblich genug, wie auch der gesamte Ton des Textes in leicht arrogant-überheblicher Manier gestaltet ist. Andererseits erscheint der Sprecher immer auch ein wenig verwirrt, Enjambements in den Quartetten wie auch das komplett durchgeschüttelte Reimschema deuten daraufhin. Mit andern Worten: Er ist ein wenig fremdgesteuert, ein andres Wort versagt sich der Verfasser hier. Triebe, Liebe, das Gedicht hat alles, was so ein 25-Jähriger Jungdichter draufhaben kann.

26.2.07 17:27


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