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Brecht und das Mädchen

Bertolt Brecht

Entdeckung an einer jungen Frau (1925/26)

 

       Des Morgens nüchterner Abschied, eine Frau
       Kühl zwischen Tür und Angel, kühl besehn.
       Da sah ich: eine Strähn in ihrem Haar war grau
       Ich konnt mich nicht entschließen mehr zu gehen.

5     Stumm nahm ich ihre Brust, und als sie fragte
       Warum ich Nachtgast nach Verlauf der Nacht
       Nicht gehen wolle, denn so war’s gedacht
       Sah ich sie unumwunden an und sagte:

       Ist’s nur noch eine Nacht, will ich noch bleiben
10   Doch nütze deine Zeit; das ist das Schlimme
       Daß du so zwischen Tür und Angel stehst.

       Und laß uns die Gespräche rascher treiben
       Denn wir vergaßen ganz, dass du vergehst.

       Und es verschlug Begierde mir die Stimme.

 

 

Brecht und das Mädchen: Eine Betrachtung

 

Ein Text zunächst, ein Gedicht, ja, ein Sonett ganz bestimmt. Als Sonett selbstverständlich in schönster petrarkischer Tradition als Liebesgedicht verfasst. Reimend abab, cddc, efg, egf. Scherzkeks, der Brecht, hat er die Reime aber ziemlich durchgeschüttelt hier und hält sich überhaupt an kein gängiges noch so barockes Schema. Muss wohl der Kreislauf gewesen sein. Kreislauf auch in inhaltlicher Hinsicht, denn am Ende geht’s ja von vorne los, obwohl er sich am Anfang verabschieden will. Überhaupt: Abschied von der Geliebten fällt ja immer schwer, deshalb lieber kühl bleiben und klaren Kopf behalten. Klar, dann fallen eben auch Details auf wie eine graue Haarsträne. Ab und zu wirkt so eine Strähne durchaus sexy, und so fühlt sich unser Sprecher hier denn auch wieder angezogen und ab dem zweiten Quartett ist’s schon wieder vorbei mit dem Abschied. Die Mädchenfrau war nicht ganz drauf eingerichtet, dachte wohl nur an eine Nacht und da fasst der Kerl ihr schon wieder an den Busen und kehrt im ersten Terzett komplett den Macho raus, indem er ihr eine weitere Nacht androhend vorschlägt. Die leichte Drohung besteht eher wohl darin, dass er nur eine weitere Nacht bleiben will. Letztendlich ist das Mädchen nicht ganz unschuldig an dieser Verflechtung, denn sie steht da so zwischen Tür und Angel, höchstwahrscheinlich in irgendeiner leichten Morgenbekleidung und reizt den Typen. Aber wohl nicht genug, denn er findet es schlimm, dass sie ihre Zeit nicht besser nutzt, soll carpediem-mäßig mal die Gespräche rascher vorantreiben, denn, und jetzt kommt’s, die Vergänglichkeit aller Schönheit lauert hinterm Türpfosten. Der weiblichen Vergänglichkeit setzt der Sprecher eine gewisse männliche Gier und Begierde entgegen, das Tierische blitzt auf. Ja, so ist der Mann, sieht nur am Weibe den Verfall, nicht bei sich selbst ihn auch suchend, sieht stattdessen von hieran blind nur noch ein Ziel, weiß nicht mehr weiter, kann nicht mehr sprechen.

Schöne Volta dort in Z. 13 ,eingeleitet durch „denn“, hier spielt er ein wenig mit der Shakespeare-Form des Sonetts, aber natürlich ist die klassische Volta zwischen Z. 8 und 9 zu suchen, wo es dann nur noch um die eine zusätzliche Nacht geht.

Zusammenfassend: Aus nüchternem Abschied wird stimmeverschlagende Begierde. Warum? Nun hier hilft mal wieder der Titel weiter. Der Sprecher hat halt noch etwas „entdeckt“ an dem jungen Weibe. Muss wohl sehr dunkel gewesen sein in der Nacht, da kann man dann keine grauen Strähnen mehr wahrnehmen, vielleicht kann man bei so was sowieso nicht mehr viel wahrnehmen, erst am Morgen wieder und dann kann man danach wider nicht mehr viel wahrnehmen und danach ist Vergänglichkeit angesagt, aber nicht beim Manne, der hat nur Begierde. Überhaupt scheint Begierde hier dem Verfall die Stirn zu bieten. Das ist überheblich genug, wie auch der gesamte Ton des Textes in leicht arrogant-überheblicher Manier gestaltet ist. Andererseits erscheint der Sprecher immer auch ein wenig verwirrt, Enjambements in den Quartetten wie auch das komplett durchgeschüttelte Reimschema deuten daraufhin. Mit andern Worten: Er ist ein wenig fremdgesteuert, ein andres Wort versagt sich der Verfasser hier. Triebe, Liebe, das Gedicht hat alles, was so ein 25-Jähriger Jungdichter draufhaben kann.

26.2.07 17:27
 


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