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Findet Nero – oder: Der Gummistiefel schlägt zurück

 

Die Sprache – unendliche Weiten. Täglich erleben wir Abenteuer in ihr und mit ihr, ohne zu wissen, was wirklich dahinter steckt.

Nein, es geht nicht um die kantische Frage nach dem Woher und Wohin und dem Sinn und dem Ding an sich. Es geht um all das, was wir mit den Dingen tun, indem wir sie benennen und was die Dinge mit uns nicht tun können, weil wir die Macht über sie haben. Aber dies ist nur eine scheinbare Macht.

 

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke

 

Ja, der sensible Rilke hat das kunstmäßig so ausgedrückt, und schaut man es sich heute an, dann steckt viel mehr noch hinter diesen Rilke-Worten.

Also: Was machen wir mit den Dingen? Wir benennen sie. Wir sagen dem Stuhl Stuhl und dem Gummistiefel Gummistiefel. Aber wer garantiert uns, dass der Stuhl auch Stuhl ist, dass der Gummistiefel auch einer ist. Die Dinge können sich nicht wehren, können nicht zurückschlagen, können nicht sagen, wie und was sie wirklich sind. Was ist wirklich? Was ist Wirklichkeit? Auch nur ein „Wort“. Ja, wir sprechen Dinge so deutlich aus, wir sprechen aus und geben Bedeutung, verleihen einer Sache ein Zeichen. Das ist noch gelinde ausgedrückt, besser gesagt, wir üben Gewalt an einer Sache aus, indem wir sie be-zeichnen. Damit machen wir die Sache zu etwas Bezeichnetem. Und die Sprache ist das Werkzeug unserer Macht. Ja, wir herrschen, wir sind mächtig, wir sind die Größten! Und davor hat Rilke hier Angst, fürchtet sich vor der Menschen Wort. Gib mir eine Sache, ich zwinge ihr ein Wort auf und schon beherrsche ich sie. Sprache ist Voodoo. Ich bohre sprachliche Nadeln in den Gummistiefel, wenn ich Stuhl zu ihm sage, aber dadurch erst beherrsche ich ihn. Alles um uns herum leidet unter uns, weil wir es so wollen, weil wir mit Sprache leiden machen.

Und gleichzeitig leiden wir eben auch.

Weil mit uns dasselbe geschieht.

Weil wir der Matrix nicht entkommen.

Die Matrix ist hier als Geflecht von Bedeutungsbeziehungen zu verstehen.

Neuronale Verästelungen, kapillare Nuancierungen von Versprachlichungen der Welt.

Welt ist da und muss als unser Lebensraum begriffen werden. Im Stadium des Begreifens sind wir naiv, primitiv, gewalttätig und zeigen unser wahres Neandertaler-Gesicht. Nachdem der homo erectus „begriffen“ hatte, Feuer gemacht hatte, Mammuts in die Höhle zum Verzehr gebracht hatte, begann er langsam eine neue Art der Gewalt auszuüben. Er zeichnete die Tiere an die Höhlenwände und beherrschte sie bald auch mit Hilfe primitivster guttural geäußerter Kehllaute. Die Matrix war geschaffen, die Tür zum Hyperraum öffnete sich einen Spalt, es dauerte aber noch etliche tausend Jahre, bis der homo sapiens mit dem Licht der Aufklärung in diesen Hyperraum hineinzuleuchten imstande war. Und wie er sich dann freute und wie er dann leuchtete mit der Taschenlampe seines schmalspurigen Geistes. Knappe 250 Jahre weiter leuchten wir heute nicht mehr, die Scheinwerfer sind auf volle Leistung geschaltet, wir haben den Hyperraum betreten – und versuchen in dem kleinen Bereich, der uns erschlossen ist zu leben. Aber wie leben wir dort? Indem wir Macht ausüben, indem wir einfach das tun, was der primitive Neandertaler auf seine Weise auch schon getan hat, als er versuchte über das Stadium des bloßen „Begreifens“ von Wirklichkeit hinauszuwachsen. Wie gut hatte es doch der Neandertaler. Er malte schlicht und einfach seine Höhlenbilder. In unseren Hyperraum-Höhlen haben wir auch Bilder. Tagtägliche Gewalt üben wirt aus und tagtäglich wird an uns Gewalt ausgeübt. Längst schon muss sich Rilke nicht mehr vor der Menschen Wort allein nur fürchten, der heutige Rilke muss sich vor RTL , Pro7, der NASA und Google fürchten. Als Neandertaler ist es uns gleich, wir haben das Mammut in der Kühltruhe oder essen fastfood. Aber vom Neandertaler unterscheidet uns der Quantensprung der Sprache, mit der wir viel subtiler Dinge bezeichnen können, mit der wir viel subtiler MACHT ausüben können. Hinter jeder Ecke, auf jeder Plakatwand in jedem mp3- und mp4-file lauert Diskontinuierliches. Wir werden von einer Matrix beherrscht, die wir selbst entwickelt haben und tagtäglich verfeinern. Wir merken nicht einmal, wenn unsere Gehirnstrukturen aufgeweicht werden, wenn wir uns vorgaukeln, durch alles Erklären alles erklären zu können. Dann nämlich sind wir mittendrin in der Matrix und durch tägliches Tun verfeinern wir das Spinnennetz dieser Matrix – es gibt kein Entrinnen mehr. Mit geradezu naiver Freude bezeichnen wir täglich Dinge neu, die wir zu ent-decken glauben, dabei decken wir sie gerade in dem Moment mit unserer Sprache zu, nehmen ihnen ihren eigenen Raum zum Leben.

Eines Tages wird der Gummistiefel uns sagen, wer oder was er wirklich ist, aber dann ist es nicht mehr unsere Wirklichkeit. Findet Nero.

 

8.3.07 20:34
 


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