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Über die poetische Ungewißheit des Himmels und die willkürliche des meteorologischen Diskurses oder: Wenn ich morgens ohne Schirm aus dem Haus gehe, bin ich ein Dichter

 

Jeder Mensch ist dem Dichter gleich, wenn er den Himmel anschaut, das Wetter wahrzunehmen versucht. Man fühlt Regen und Sonnenstrahlen immer sehr unmittelbar auf der Haut und überträgt dieses Gefühl in seinen Wahrnehmungsapparat, wo es dann – eventuell, falls erforderlich – versprachlicht wird zum Zwecke der inneren Kommunikation mit sich selbst, etwa im Stil wie, nehme ich einen Schirm mit, setze ich eine Kopfbedeckung auf oder nicht. Ganz anders dagegen der Wetterbericht im Fernsehen: Inszenierung eines Betruges. Betrug an der Schönheit der Empfingung. Meteorolgie ist wissenschaftlich untermauerte Glaubwürdigkeit und somit referentiell relativ, somit gefühllos und wenig dem ursprünglich Menschlichen zuzuordnen. Wetter ist nur ein Wort. Gefühl ist mehr. Die Sprache lehrt uns aber, dass wir beides mehr innehaben als wir vermeintlich „denken“. Allein das Wort „wetterfühlig“ weist uns hier einen Weg aus der vorbestimmten globalisierten Medienhörigkeit. Wenn ich „wetterfühlig“ bin, gehe ich über das Empirische hinaus, mein Körper weist mir wieder den Weg aus den Medien hinaus, leitet mich hinaus aus der Matrix der Verstrickungen, aus der Abhängigkeit.

Wir werden niemals wissen, was aus dem Himmel kommt, Regen oder Sonne. Der Dichter beschreibt es immer vorsichtig genug, weil seine Gewissheit dem Urgefühl des Menschen universell gleichkommt. Ganz anders dagegen der Meteorologe, die androgyne Wetterverkaufsfigur im Wetterbericht. Hier wird nicht Wissen sondern pseudo-authentische Glaubwürdigkeit verkauft und inszeniert. Glaubwürdigkeit aber ist nicht gleich Wahrheit. Gefühl ist immer wahr, ist immer Wahrheit. Ob Wetter, Nachrichten oder human interest story, alles ist relativ und referentiell, objektiviert und gruppiert, vorgekostet und abgepackt in sense units, die allmählich und unmerklich den freien Geist standardisieren, benutzbar und milliardenfach verfügbar machen. Identitäten werden identisch, das Individuum geht unter. Am Morgen setzen alle dieselbe Kappe auf, weil sie denselben Wetterbericht verfolgt haben und die Sonne scheint trotzdem immer weiter. Aber gibt es diese Sonne wirklich, oder stammt sie nur aus einem anderen referentiellen System? Für den Dichter gibt es immer nur diese eine Sonne, und sie scheint ihm. Alle Menschen, denen sie scheint, werden in dem Moment zu Dichtern, können das Poetische in sich erkennen, wenn sie in demselben Moment die Unglaubwürdigkeit jenes Wetterberichtes erkennen, der ihnen Regen glaubwürdig und diskursiv-referentiell vermittelt hatte. Jedoch lässt sie die medial-diskontinuierlich gestaltete Welt, in der sie leben, nicht an ihre eigene Wahrheit des Gefühls glauben, ihr eigenes Gefühl kommt ihnen lächerlich vor, sie verneinen den poetischen Moment in sich und werden zu den medienabhängigen Lemmingen, in deren Spiegelbild sie schauen, wohin sie auch blicken.

Es ist einfach. Glaube nicht an das Glaubwürdige, glaube an das, was du siehst, wenn du morgens in den Himmel schaust, und wenn du dann viele Menschen mit Hüten, Kappen und Regenschirmen siehst, du aber unbeschirmt und unbedeckten Hauptes der Sonne entgegenblinzelnd zum Himmel schaust, dann, ja dann bist du ein Freier unter freiem Himmel und könntest grad in dem Moment ein Lied davon singen, das dich davonträgt.

10.3.07 00:47
 


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